Agenturtagebuch

SSP – die ideale Kulisse für Reality Soaps



In der Nachbarschaft von SSP sind eine ganze Reihe Fernsehfirmen ansässig: Studios, Produktionsgesellschaften etc. Aus irgendeinem Grund steht die Agentur bei einer dieser Firmen auf der Telefonliste, wenn es um die Suche nach geeigneten Drehorten geht. Und da die Herrschaften vom Fernsehen immer so nett sind, haben wir auch schon oft ja gesagt. 

Inzwischen war fast jeder Raum der Agentur schon mal Schauplatz dramatischer Szenen der einschlägigen Reality Soaps. Mal wurde der Flur gesperrt, damit eine Darstellerin nach den Worten „Aber er ist doch dein Sohn!“ aus einem der Beraterbüros flüchten konnte. Mal gab es eine wilde Verfolgungsjagd inklusive Schießerei auf dem Parkplatz. Bisheriger Höhepunkt war, dass die Grafikabteilung mit Plakaten voller nackter Männer dekoriert wurde, um als Büro einer Erotikfilm-Firma herzuhalten.

Kürzlich waren die netten Leute vom Film wieder da, und es war wie immer: Flur gesperrt, leise sein. Diesmal war selbst das Klicken der Kamera zu laut. Die Bilder fürs Agenturtagebuch mussten im Nachhinein gestellt werden. Und selbst da wollte eine Darstellerin partout nicht aufs Foto, nicht mal von hinten … Da soll noch mal einer sagen, die Leute wollten mit allen Mitteln berühmt werden. 

Ach ja: Wer sich das Ergebnis ansehen will: Die Sendung heißt „Familien im Brennpunkt“. Die Episode soll Mitte August ausgestrahlt werden. Der Sender heißt RTL.

 

Es lebe der Perfektionismus!

Wir bestimmen die Krümmung der Gurke und definieren die maximale Rotphase der Ampel, wir trimmen unsere Körper auf sehnige Ausdauer und jagen unsere Kinder durchs Turbo-Abitur. Kein Lebensbereich, vor dem der Hang zur Optimierung - wenn nicht gar zur Perfektionierung - Halt macht.

So auch in der Kommunikationsbranche. Waren es einst die Qualitätsaudits, mit denen wir 

die innere Verfassung unserer Agenturen auf Vordermann gebracht haben, sind es heute controlling-resistente Produkte, die qua Evaluierung niemals in die Gefahr öknomischen Erklärungsnotstandes geraten: Wir beherrschen CSR und CI, Public Affairs und Personality-PR, Integrierte Kommunikation und Issues Management. Die Welt ist heil, unsere Branche 

im Zustand der Vollkommenheit.

Hätten die Perfektionisten nicht etwas übersehen. Zum Funktionieren benötigt das System 

den perfekten Kunden. Bei dem hat der Gesamttrend allerdings nur bedingt durchgeschlagen. Besonders deutlich wird dies, wenn ausgefeilte Konzepte durch die pluralistische Meinungsmühle gedreht werden. Da entscheiden Gremien mit bunt gewürfelter Qualifikation  über Top oder Flop in der Kommunikation. Über die wirtschaftlichen Analysen von Unternehmensberatung, über Steuerkonzepte oder Umstrukturierungspläne entscheiden Kompetenzgremien, in der Kommunikation dagegen nicht selten Selbstberufene. Lieber Gott, gib uns eine Norm gegen die krummen Gurken im System, auf dass wir den Zustand finaler Vollkommenheit erreichen!

 

Übrigens, wussten Sie schon…?

Es gibt einen Cartoon von Loriot in der legendären Fernsehreihe aus den siebziger Jahren. Darin blickt ein Nachrichtensprecher todernst in die Kamera und stellt skurrile Fragen, die immer mit den Worten beginnen „Übrigens, wussten Sie schon...“. Zum Beispiel: „Übrigens, wussten Sie schon, dass alle deutschen Goldhamster aneinandergereiht von der Erde bis zum Mond reichen würden, wenn sie nur nicht so dumm wären?“

Was wollte Loriot uns damit sagen? Vielleicht, dass man beim Zappen durch die Medienwelt mitunter über Informationen stolpert, von denen man sich fragt, ob man das wirklich wissen wollte. Dabei stammt der Sketch aus den Siebzigern, also einer Zeit in der es nur öffentlich-rechtliches Fernsehen und noch kein Internet gab. Und im Vergleich zu heute stand die Nachrichtenflut noch verhältnismäßig niedrig.

Wie würde Loriot das Thema wohl heute aufgreifen? Würde er statt eines Nachrichtensprechers einen Blogger parodieren? Würde er statt Goldhamstern eine Studie über das Sexualverhalten von Jugendlichen zum Thema machen? Vielleicht würde er sich auch einfach wieder selbst auf das grüne Sofa setzen, ernst in die Kamera blicken und in Anlehnung an eine aktuelle Meldung von Spiegel-Online fragen: „Übrigens, wussten Sie schon, dass man einen Blackberry unter Linux als Modem nutzen kann?

 

Kondome für die Kommunikation



Der Zweck von Kondomen ist gemeinhin bekannt: Sie sollen Kinder und manche Krankheit verhüten. Nun kann man der katholischen Geistlichkeit und deren Oberhaupt, die bekanntlich allesamt Enthaltsamkeit gelobt haben, nicht vorhalten, dass sie im Umgang mit so diffiziler Gerätschaft eher unerfahren sind. Während im Zwischenmenschlichen Kondome als Sicherheitsgaranten gelten, entfalten sie kommunikativ ein enormes Zerstörungspotenzial. Das hat der Papst aus Unkenntnis der Materie offensichtlich verkannt.

Während Gesundheitsorganisationen, Entwicklungshelfer und Mediziner den Einsatz von Kondomen zur Eindämmung der Seuche AIDS empfehlen, setzt der Vatikan darauf, dass die (afrikanische) Welt es dem kirchlichen Personal gleichtut – Keuschheit statt Kondom. Da kann man sich aufregen soviel man will, Logik ist dieser Argumentation nicht abzusprechen. No fun no risk. Seit der Aufklärung lernen wir, dass wir die Ratio einsetzen sollen. Zeigen die Kirchenvertreter, dass sie diese Lektion endlich gelernt haben, jault die Menschheit wieder einmal auf. Ist das fair?

Was die Kirchenlenker tatsächlich nicht gelernt haben: Ihrer Kommunikation ein Verhüterli überzustreifen, damit die Botschaft zwar gesendet wird, sie aber anschließend nichts Ungewolltes anrichten kann: Auf Papst Benedikts indirekten Appell zu einer verantwortungsvollen Partnerschaft folgte vielerorts Entrüstung statt Einsicht. Denn wie immer ist alles (!) nicht zuletzt eine Frage der Verpackung. Richtige Künstler verpacken so, dass wir selbst vor Alltäglichkeiten begeistert stehen bleiben – ob ihrer Schönheit. Der tatsächliche Inhalt ist in diesem Moment zweitrangig. 

Profanes Fazit: Auch der Umgang mit Kommunikations-Kondomen will gelernt sein. Enthaltsamkeit zu propagieren ist hier jedenfalls fehl am Platz. 

 

Barbra Streisand und die Deutsche Bahn

Als müsste das Management der Deutschen Bahn die Öffentlichkeit derzeit nicht mit ganz besonders flauschigen Handschühchen anfassen, hat es neulich mit einer juristischen Abmahnung an den Blogger Markus Beckedahl lieber zum KO-Schlag angesetzt. Dieser wich der Attacke jedoch nicht nur mit der Leichtigkeit eines Muhammad Ali aus, sondern konterte mit einem Kinnhaken, über dessen Wucht er sich selbst gewundert hat.

Beckedahl hatte in seinem vielbeachteten Polit-Weblogwww.netzpolitik.org ein Dokument mit internen Details der Spitzelaffäre bei der Deutschen Bahn veröffentlicht. Die Tatsache, dass diese Informationen in der Berliner Presseszene längst die Runde gemacht hatten, interessierte die Bahn offensichtlich nicht: Beckedahl flatterte eine Abmahnung ins Haus. Flugs berichtete er davon in seinem Blog und keine Viertelstunde später informierte der erste weitere Blog darüber. Nach nur einer weiteren halben Stunde formierte sich entschlossener Widerstand. Ein Aufruf ging durch die Blogosphäre, das Dokument auf so vielen Websites wie möglich zu veröffentlichen.

Bald tauchte es in dutzenden weiteren Weblogs auf, begleitet von hunderten, wenn nicht tausenden Kommentaren. Am späten Abend fand der Fall gar seinen Weg in die Wikipedia. Dort wird er nun wohl für lange Zeit als Paradebeispiel für den sogenannten Streisand-Effekt dienen, wonach in Zeiten des Internets Verbote und Zensur den gegenteiligen Effekt haben. Er besagt, dass der Versuch, Informationen aus dem Internet zu entfernen, dazu führen kann, dass sie dort umso weiter verbreitet werden. Tja, und nicht nur dort. Denn auch den etablierten Medien blieb die Geschichte nicht verborgen und auch sie berichteten nicht zu knapp. Nach eineinhalb Tagen schaffte es Mehdorn sogar auf die Titelseite der taz.

Das Ende vom Lied: Drei Tage später ging die Bahn zu Boden und stand nicht mehr auf. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür, dass Gutsherren-Kommunikation mit Zuckerrohr in der einen und Peitsche in der anderen Hand heute nicht mehr funktioniert. „Don’t bring around the cloud to rain on my parade” tönt es leise durch die Blogosphäre. Sie hat gelernt, sich zu wehren.  

 

Social Web: Von Willi lernen



Unser Agenturhund Willi hat neuerdings seine Sozialakzeptanz nach Einstellen seines Profils unter uniteddogs deutlich erhöhen können. Neue Freundschaften warten nun beim Date auf der Hundewiese. Heute hat mich eine freundlich ausschauende Dame aus einem Kundenunternehmen zu sich nach Xing eingeladen. Klassenfreunde aus der verhassten Schulzeit feiern Wiedervereinigung im Freunde-Portal. Anstelle der kargen Outlook-Visitenkarten werden den Mails neuerdings lieber Links zu den Selbstdarstellungen im Social-Web angehängt, so zuletzt bei dem Kommunikationschef eines internationalen Konzerns. Lastfm analysiert fortlaufend meine musikalischen Gewohnheiten und vernetzt mich mit akustisch Gleichgesinnten.

Ständig sind allein in Deutschland 15 Millionen User in den sozialen Netzen unterwegs. Doch der Boom bleibt nicht ohne Folgen: Facebook hat eine Stromrechnung von einer Million Dollar im Monat, wie die FAZ zu berichten weiß. Kosten und Einnahmen stehen tatsächlich bei allen Community-Anbietern in keinem gesunden Verhältnis. Da bringt auch der Wechsel des Stromanbieters keine Linderung. Der kollektive Zwang zur sozialen Vernetzung führt bei den Betreibern offensichtlich nicht automatisch in den Profit. 

Als User weiß man um die kontraproduktive Wirkung störender Banner-Werbung. Man fragt sich, ob die Betreiber und die werbende Wirtschaft die Seiten nicht nutzen, die sie selbst als Werbeplatz anbieten und bespielen. Das kommunikative Potenzial liegt tatsächlich woanders. Unternehmen müssen sich in den medialen Diskurs einbringen – und zwar als gleichberechtigte Partner. Da heißt es, nach- und umzudenken und lieb gewonnene Kommunikationsinstrumente auf den Prüfstand zu stellen. Vor allem heißt es aber, die eigene Kommunikations-Kultur zu hinterfragen. Unser Hund hat es verstanden.

 

Hat Krisen-PR noch eine Zukunft?

Unserem Praktikanten mit respektablem Hochschulabschluss erklären wir gerne: Es gibt sie, die Lehre der reinen PR. In ihr zieht sich die (strategische) Kommunikation durch alle Windungen des wirtschaftlichen Alltags. Launch und Relaunch, intern und extern, Verbündete und Gegner, Internet und Intranet, Issue Management und CSR – für alle Plätze, Personen und Anlässe gibt es gleichermaßen Theorie und Praxis. Er hört dann andächtig zu und zieht nachdenklich von dannen.

Im nächsten Morgenmeeting fragt er, was passiert, wenn zum Beispiel die Krisen-PR-Theorie auf die Wirtschaftskrisen-Praxis trifft. Wenn die Krise also nicht mehr eine singuläre Erscheinung in einer ansonsten geordneten Welt ist, sondern Allgemeingültigkeit erlangt hat. Wir freuen uns, dass wir Praktikanten haben, die so kluge Fragen stellen können.

Als Verfechter der reinen Lehre gehen wir argumentativ in Position, ohne den gewünschten Erfolg: Aber was ist, wenn schlechte Nachrichten nicht einmal und dann komplett kommuniziert werden, sondern kontinuierlich mit steigendem Katastrophengehalt? Dann gilt es, die Kommunikation zu bündeln und zu personifizieren. Aber was ist, wenn die handelnden Personen den abgestürzten Superman geben, der zum tölpelhaften Watschenmann mutiert? Dann gilt es Perspektiven aufzuzeigen, Lösungen zu skizzieren. Und wenn die Perspektive in der kollektiven Verantwortung für individuelles Versagen liegt? 

Wir gestehen ein, dass es Dimensionen von Krisen gibt, in denen die Theorie eventuell noch Nachholbedarf hat, bevor wir nachdenklich von dannen ziehen.

 

Weihnachtsfeier in der Küche



Kinder, Betrunkene und der Volksmund sagen bekanntlich immer die Wahrheit – und verhelfen einem so zu recht erhellenden Einsichten. Wie zum Beispiel die von den Köchen, die den Brei verderben, wenn sie in der Überzahl sind. Wie in einer Karikatur von Wilhelm Busch sieht man sie – dicht gedrängt am dampfenden Topf – mit den Kochlöffeln aufeinander eindreschen. 

So gesehen stand die Weihnachtsfeier von SSP unter keinem guten Stern. Erschwerend kam hinzu, dass das Agenturteam durch zwei weitere Profiköche und eine Küchenhilfe verstärkt wurde, bevor man sich an die Arbeit machte, das weihnachtliche Vier-Gänge-Menü in einer Profi-Küche und in Eigenregie zu erstellen. Doch erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt: Geübte Teamplayer spielen ihre Agenturerfahrung nicht nur am Mac, sondern auch an Mixer und Möhren aus: Zügiges Arbeiten just in time, Materialeinsatz mit minimalem Schwund, reibungslose Schnittstellenarbeit, äußerst ansehnliche Teller-Arrangements und insgesamt ein Gourmet-Gesamtkunstwerk in vier Arbeitsschritten kaschierten (vereinzelt auftretende) Schwächen (in der Geschäftsführung) durch eine starke Gesamtleistung. 

Vom winterlichen Gemüsesalat mit Ruccola-Vinaigrette und der Rahmsuppe mit Lauch und indischem Fladenbrot über die Maispoulardenbrust auf Morchelsauce und glacierten Lauchmöhrchen bis hin zur selbst aufgeschlagenen Zabajone mit exotischen Früchten reichte das Leistungsspektrum. Alles in allem: ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag eines eingespielten Teams. Gemeinsame Einsicht: Der Genussfaktor ist bei digitalen Endprodukten bei weitem nicht so hoch…